2021 & 2025
Konzept
Holz, Schaumstoff
60 x 65 x 70 cm
Kurztext: Ein Stuhl ist Einladung und Versprechen – im „Defensiven Interieur“ kippt er ins Gegenteil. Auf Grundlage des 24-Euro-Chair von Van Bo Le-Mentzel wird aus einer demokratischen Bauanleitung ein Abwehrmöbel: Pyramiden-Schaumstoff verweigert Komfort und verweist auf die Logik defensiver Architektur. Im öffentlichen Raum verschwinden Sitzgelegenheiten oder sind von Vornherein auf Vertreibung angelegt; „Third Places“ ohne Konsumzwang gibt es kaum noch. Auch der private Raum bleibt nicht unangetastet: Reize und Kontrolle dringen real wie digital in die Privatsphäre, Wohnen wird zum Abo-Modell, Besitz zur Zwischennutzung. So wird selbst das Sitzen zur Frage – darf man sich ausruhen, oder verlangt die Leistungsgesellschaft ständige Bewegung? Der Stuhl zeigt den Widerspruch zwischen Einladung und Ausschluss, zwischen Rückzug und Zumutung.
Lange Fassung: Ein Stuhl ist Einladung und Versprechen: sich setzen, ausruhen, verweilen. Im „Defensiven Interieur“ kippt diese Geste ins Gegenteil. Die Form basiert auf dem 24-Euro-Chair aus dem Buch „Hartz IV Möbel“ (2010) von Van Bo Le-Mentzel – einer Bauanleitung für demokratisches, erschwingliches Design. Doch statt Selbstermächtigung entsteht hier eine Abwehrarchitektur für den Innenraum: Sitzflächen und Lehnen sind mit Pyramiden-Schaumstoff gepolstert, das Material, das sonst Schall schluckt und Ruhe verspricht, wird zum Widerstand, zur Verweigerung von Komfort.
Der Stuhl verweist damit auf die Frage, wem Raum eigentlich gehört – und ob Privatheit wirklich privat ist. Im öffentlichen Raum gibt es immer weniger Orte zum Sitzen; wenn sie überhaupt vorhanden sind, werden sie zunehmend durch defensive Architektur geprägt, die weniger dem Verweilen als dem Vertreiben dient. „Third Places“ ohne Konsumzwang – offene Treffpunkte jenseits von Zuhause und Arbeit – verschwinden fast völlig. Und auch der private Raum bleibt nicht unangetastet: Die moderne Gesellschaft dringt über reale wie digitale Wege in die Privatsphäre ein. Eigentum bleibt verwehrt, die Wohnung ist gemietet, oft nur temporär möbliert, als Airbnb oder Hotelersatz. Selbst die Möbel sind selten selbstgewählt: übernommen, gefunden, geliehen – kaum jemand baut sie, wie es die Utopie der DIY-Designbewegung einmal vorschlug. Schon die Bauhaus-Bewegung hatte gefordert, dass auch ordinäre Bürger*innen sich Design leisten können sollten: erschwinglicher Luxus, Gegenstände für die Ewigkeit. Diese Idee klingt heute fast utopisch. Mieten ist Wohnen im Abo-Modell, Besitz verwandelt sich in Zwischennutzung.
So wird selbst der Stuhl zur Frage: Darf man sich überhaupt setzen? In einer Leistungsgesellschaft, die permanente Bewegung einfordert, wird das Ausruhen selbst zur transgressiven Handlung. „Defensives Interieur“ markiert diesen Widerspruch – zwischen Einladung und Ausschluss, zwischen demokratischem Gestus und ökonomischer Realität, zwischen privatem Rückzug und öffentlicher Zumutung. Der Stuhl sitzt nicht einladend, sondern stellt Bedingungen.


Ausgestellt:
September + Oktober 2025 tRaum, Projektraum Galerie M, Berlin
NEUE KUNST INITIATIVE Marzahn-Hellersdorf

tRaum – Eine Gruppenausstellung in Projektraum Galerie M
Mit Arbeiten von: Agnes Wojtas, Álvaro Sendra González, Bilge Ugursu, Caterina Francu, Evi Jägle, Eugenia Grammenou, Forough Absalan, George Dhauw, Johannes Christopher Gerard, Katrin Bäcker, Katerina Delidianni, Linda Furker, Lorina Speder, Maximilian Engel, Michel Aniol, Meike Kuhnert, Nicholas Ganz, Paloma Aguirre, Philip Jan Krajewski, Peter Debusi, RUNA, Sarah Legow, Seweryn Janski, Stefan Kraft, Sunyoung Kang, Swen Bernitz, Tatiana Zhabina, Uta Baranovskyy, Vahit Sarıtaş, Yehudi, Xiaoyu Tang & Sayaka Katsumoto und KünstlerInnen der Neuen Kunst Initiative, Marzahn-Hellersdorf.
Konzeptidee:
Die Ausstellung „tRaum“ widmet sich der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Spannungsfeld zwischen normierter Lebensrealität und innerer Vorstellungskraft.
Der Titel der Ausstellung spielt bewusst mit der Doppeldeutigkeit von „Traum“ als Wunschbild und „Raum“ als Ort des Rückzugs, der Freiheit und der Entfaltung.
In Zeiten zunehmender Reglementierung durch Bildungssysteme, Arbeitsmärkte und gesellschaftliche Erwartungshaltungen entstehen Sehnsüchte nach Alternativen, nach Spielräumen für persönliche Entwicklung, nach Utopien – nach dem „tRaum“. Die Ausstellung geht der Frage nach, wie in genau diesen Zwischenräumen – also dort, wo Freizeit, Fantasie und Kultur aufeinandertreffen – kreative und fantastische Werke entstehen können.
Auch der physikalische Raumbegriff wird thematisiert: Raum ist nicht nur messbare Größe, sondern auch subjektive Erfahrung. Wo Realität und Wahrnehmung ineinandergreifen, stellt sich die Frage: Wann ist etwas real – und wann Traum?
Künstler*innen aus verschiedenen Disziplinen (Bildende Kunst, Installation, Medienkunst, Performance u.a.) setzen sich in ihren Arbeiten mit Themen wie innerer Rückzugsort, utopischer Raum, kindliche Fantasie, Kritik an Normierung, Selbstermächtigung durch künstlerisches Schaffen oder Träume als Gegenmodelle zur Realität auseinander.
